Matthias Kaiser - neue Kolumne in der ZGT
Liebe Leserinnen und Leser
„Wat den Eenen sin Uhl’ is den annern sin Nachtigal“, formulierte der Norddeutsche Dichter Fritz Reuter treffend und verweist mit diesem Sprichwort auf den Umstand, dass eine Sache immer von zwei Seiten betrachtet werden sollte.
Nicht anderes erwarte ich nach meiner heutigen Ankündigung, dass meine von mir selbst gewählte Zeitungsabstinenz beendet ist und ich mich entschlossen habe, Ihnen einige in dieser Auszeit gewonnenen Erkenntnisse in regelmäßigen Abständen zu vermitteln.
„Schon wieder dieser Kaiser“, werden jetzt sicherlich einige Wirte und Hoteliers genervt aufstöhnen und mich dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst.
Andere, Freunde des offenen Wortes hingegen, – und da bin ich mir relativ sicher – werden sich indes klammheimlich darüber freuen, dass endlich wieder einer die Ursachen ihrer gastronomischen Enttäuschungen beim Namen nennt.
Doch wie war das doch gleich mit Uhl’ und Nachtigall? Zwei Seiten? Nein, es ist wie beim Münzwurf – Kopf oder Zahl – es gibt immer eine dritte Möglichkeit, denn ab und zu, wenn auch selten, kommt die Münze auf dem Rand zu liegen.
In meiner neuen Serie werden mich meine geplanten Exkursionen auch weiterhin durch unseren Freistaat, nur dieses Mal direkt an die Quellen des Geschmacks führen, also zu den Erzeugern und Produzenten, die für diesen verantwortlich zeichnen. Hin und wieder auch natürlich auch zu den Köchen, die eigentlich nur noch letzte Hand anlegen müssen, um die Zutaten individuell verfeinert zu servieren.
Es wird also vielleicht auch ein paar Rückfälle geben – negative und hoffentlich sehr viel mehr positive, so wie im Falle meiner Freunde Marcello Fabbri aus dem „Elephant“ in Weimar und Claus Alboth aus dem Kaisersaal in Erfurt –um nur zwei von vielen in Thüringen zu nennen, die den Umgang mit regionalen Produkten so perfektioniert und harmonisiert haben, dass sie die Restaurantführer in die erste Riege der Deutschen Spitzenköche katapultierten.
Die können mir jetzt, ohne, dass ich dafür Reue zeigen müsste, einige Kostproben ihres meisterlichen Könnens kredenzen.
So, wie vor einigen Jahren ein stadtbekannter „Il Papa“ in Neapel, als ich die Küche seiner Tochter lobte, die ein wunderbares Restaurante eröffnet hatte: „Schreib darüber. Du verstehst Deine Sache. Ich bezahle es. Außerdem: auch du musst essen!“
Neapel ist weit, mein italienisch schlecht, die Gefahr, missverstanden zu werden war groß, die Reisekasse war dürftig und notfalls konnte ich ja nach der Heimkehr ins Eichsfeld fahren. Dort erhalten selbst Protestanten auf Wunsch Absolution. Ich aß die Pasta und das Filetto di Manzo umsonst und genoss das Dolce ohne zu zahlen.
In Thüringen werde ich Kartoffeln und Kraut bekommen!
Auch nicht schlecht!
Apropos Gastrokritiken: Nichts schmeckt so schal wie der zweite Aufguss!
Außerdem sind zehn Jahre Kampf gegen Windmühlen – statt erneuerbare Energien ständig neue Reinfälle – eigentlich genug für einen Einzelkämpfer wie mich und jeder, der mich von früher kennt und sich mein Konterfei jetzt anschaut, wird bemerken, dass eine solche Beschäftigung ihre Spuren hinterlässt. Nein, nicht was Sie jetzt denken – die Wirte haben mir immer etwas zu essen gegeben. Auch, wenn sie pikiert waren. Und so richtig die Fetzen sind auch nur selten geflogen, denn am Ende konnte ich (fast) alle davon überzeugen, dass der faire Umgang mit dem Gast noch immer die beste Methode ist, wirtschaftlich zu überleben und, was eigentlich noch viel wichtiger ist, sich morgens ohne Gewissensbisse im Spiegel zu betrachten.
Also weg von der Restaurantkritik hin zu den wirklichen Problemen
Macht er es sich jetzt einfach? Zieht der Kaiser plötzlich den Schwanz ein, um nicht mehr anecken?
Weit gefehlt, denn ich befürchte, diese Serie wird Gegner auf den Plan rufen, die mit weitaus härteren Bandagen kämpfen, als beispielsweise ein Wirt im Thüringer Wald (keine Namen!), dessen finanziellen und logistischen Mittel nur dafür ausreichten, um eine Einstweilige Verfügung gegen mich zu erlassen.
Die auch nur mit einem staatlich subventioniertem Gerichtkostenuzschuss möglich war, weil ihn sein „verwegener“ Umgang mit eigentlich ganz harmlosen Produkten an den Rand des Ruins –und kurze Zeit später bedauerlicherweise sogar einen Schritt weiter – geführt hat.
Denn so, wie sie es von mir gewöhnt sind, werde ich aus gegebenem Anlass auch Fragen stellen, die durchaus als unbequem eingestuft werden müssen.
Fragen wie: Wie viel Natur steckt überhaupt noch in unserer Nahrung? Und können beispielsweise Landwirte ohne fundierte Spezialkenntnisse der Chemie überhaupt überleben?
Warum schmecken unsere gegrillten Hähnchen nach Lackschutzmittel und nicht nach frischen Maiskörnern, mit denen sie laut Verpackungsinformation biologisch gemästet wurden? Und warum glänzen die Augen unseres Opas nach dem Verzehr einer Beutelsuppe so irre, wie die eines gedopten Rennpferdes?
Anderseits aber werde ich solche Erzeuger aber auch Endverbraucher deutlich beim Namen nennen, die Lebensmittel verantwortungsbewusst und nachhaltig produzieren und weiter verarbeiten.
Vor allem die Nachhaltigkeit liegt mir dabei am Herzen, denn mit diesem Thema habe ich mich in den vergangen Monaten ausgiebig beschäftigt. Dabei haben mich Menschen unterstütz, wie der Unternehmer Prof. Hans B. Bauerfeind, der sich dieses Thema an die Fahnen geheftet hat.
Übrigens einer jener Mitmenschen, der dieses absolut überlebensnotwendige Umdenken längst in die Tat umgesetzt hat. Und das nicht nur als verantwortungsbewusster Unternehmer in seiner Branche. Eigentlich in der Region rund um Zeulenroda, in der besonders die Karpfen gut reifen, weil sie von Tourismus und Industriedreck weitgehendst verschont bleiben. Mitten hinein in diese Beschaulichkeit hat er das BIO-Seehotel gesetzt. Für mich ist dieses Hotel ein Paradebeispiel dafür, welche Möglichkeiten Menschen haben, die mit der Natur im Einklang leben möchten. Eine Investition, die nicht nur in Thüringen Maßstäbe setzt und die durchaus kostspielig war. Die sich aber am Ende aber, und da bin ich mir sicher, nicht nur für ihn, sondern auch für unsere ganze Gesellschaft rechnen wird. Viele von Ihnen werden dieses Hotel mittlerweile kennen. Alle anderen Neugierigen können sich unter anderem eine eigenes Bild machen, wenn sie mir am 12. November 2011 die Ehre ihres Besuches zuteil werden lassen, wenn ich dort zusammen mit Peter Sodann (Kommissar Ehrlicher), Horst Krause (Polizeihauptmeister Krause) und Dietmar Huhn (Polizeikommissar Hotte Herzberger- Alarm für Cobra 11) den zweiten Band meines „Grünkohl-Casanovas“ vorstellen werde. Weiter Informationen folgen in Kürze in ihrer Zeitung und unter www.art-de-cuisine.de.
Womit ich einen weiteren Schwerpunkt meiner neuen Serie ansprechen möchte:
Wie oft kommt es vor, dass uns ein Duft oder Geschmack an unsere Kindheit oder Jugend erinnert. Oftmals sind diese Erinnerungen mit Gefühlen verbunden, denen wir sehnsüchtig nachtrauen und die wir vermissen.
Ich möchte mich deshalb gemeinsam mit Ihnen auf die Suche nach solchen verschollenen Geschmackserlebnissen begeben.
Natürlich habe ich nicht vor, blauäugig durch die „Gute Alte Zeit“ zu rudern, um aus dem Gewässer Ihres Gedächtnisschwunds Erinnerungen zu fischen, die zwar ihre Seele mit nostalgischem Schmalz einfetten, die aber in unserer heutigen Zeit nicht mehr praktikabel sind, weil sie sich ohne Umweg aufs Gemüt und was viele von Ihnen als wesentlich abschreckender empfinden, auf der Hüfte niederschlagen.
Ich mache Ihnen sogar das Angebot, dass wir gemeinsam an meinem Herd ihre kulinarischen Wunschträume aufleben lassen.
Reißen Sie sich also für ein paar Stunden los von einer Lebensmittel-Werbung, die wohl kunterbunt aber oft nur wenig Bekömmliches bietet. Kurz: Werden Sie aktiv. Erzählen Sie mir Ihre Geschichten und wir werden gemeinsam auf die Spur des in Vergessenheit geratenen dazugehörigen Geschmacks begeben.
Ich freue mich auf Sie
Ihr
Wie finden Sie Matthias Kaiser´s Artikel ???
3 Kommentare
15.05.2011
04:31
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01.05.2011
12:47
Horst Seyfarth
Hallo Matthias K. ich freue mich, obwohl ich einer von vielen Wirten bin, dass Du wieder outdoor und somit Autor in unserer Landeszeitung bist. Ich habe jedenfalls viel, umnicht zu sagen sehr viel Spaß deine Kolumnen zu lesen. Vielleicht klappt es mal wieder bei Dir oder auch bei mir einmal zusammen zu kochen.
Jedenfalls steht für Dich immer eine Tasse Kaffee oder auch ein Tee bei mir für dich bereit.
Grüße aus dem Erbstromtal
Horst Seyfarth


































